Schlaf. Oder: Komm mal her, Freundchen.

Ich habe immer zu den Menschen gehört, die morgens nicht nur wortkarg sind, sondern am liebsten gar nicht sprechen. Die Schlaf lieben. Die im Alter von 8 Jahren noch Mittagschlaf gemacht haben (hier kann ich allerdings nicht sagen, ob freiwillig).

Die ihr Bett ohne zu zögern als liebstes Möbelstück nennen.

Früher war mir mein Schlaf heilig. Ich konnte immer und überall schlafen. Am Wochenende wurde ausgeschlafen, morgens manchmal verschlafen, nachmittags ein Nickerchen?  … alles geht!

 

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Heute ist Schlaf ein Bekannter. Ein Guter. Den ich freudig begrüße und genieße, so lange er bei mir ist. Den ich aber kaum mehr vermisse, wenn er fehlt. Ich sehe ihn eben einfach selten. Aber … und hier kommt die gute Nachricht: je älter man wird, desto weniger Schlaf braucht man tatsächlich. Ich spreche aus Erfahrung. Vielleicht gewöhnt man sich auch einfach nur daran?
Es gibt natürlich auch eine schlechte Nachricht: man kann sich Schlafen abgewöhnen … Ausschlafen geht dann auch nicht mehr, selbst wenn man könnte. Mein Schlafverhalten hat sich entwickelt und über die Jahre und Umstände sehr verändert. Und natürlich den Gegebenheiten angepasst. Ich bin sozusagen ein Schlafchamäleon.
Mein Genuss heute – im Alter von 45 – ist: NICHT ausschlafen. Ich stehe ohne Wecker vor allen auf und genieße die frühen Morgenstunden (in der Regel zwischen 5.00 und 7.00 Uhr), bis der Tag in unserer Familie beginnt.  Im Sommer manchmal sogar früher, wenn die Sonne aufgeht … mit Kaffee auf dem Balkon vor meinem Nähzimmer. Nur ich, mein Kaffee und die Ruhe um mich herum. Nein! Bemitleidet mich nicht – probiert es im Sommer mal aus. Es ist wirklich wunderbar. Aber, man muss es wollen.

Schlaf, Kindchen.

Kinder sind das größte Hindernis des Schlafes. Manchmal auch die Gedanken. Beides lässt einen nachts aufwachen und teilweise schwer oder gar nicht wieder einschlafen. Trotzdem steht man morgens auf – etwas müde vielleicht – aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Kaffee ist mein Begleiter.

 

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Über die Jahre hinweg habe ich mit dem Schlaf gehadert. Sehr. Denn er war einfach nicht da für mich. Die Nächte an den Betten meiner Töchter, ihnen sanfte Schlaflieder vorsingen, während sie partout nicht einschlafen wollten, totmüde aber aufgedreht vom Tag; sie trösten, weil sie schlecht geträumt hatten … währenddessen ich dagegen einfach nur so unwahrscheinlich und unendlich müde war, dass ich allein durch die Berührung meiner Wimpern mit dem Kopfkissen in eine Art sofortige Bewusstlosigkeit gefallen wäre.

Wenn man zu den Müttern oder Vätern gehört, die ihre Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahren in den Schlaf bringen, so entwickelt man seine Methoden.
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·  Tipps.
  • Alle körperlichen Bedürfnisse VOR dem Zu Bett gehen erledigen: Pipi machen, Schnuller/Kuscheltier suchen, Wasser trinken. Hunger gilt nicht, es gab gerade Abendessen. Hofft nicht darauf, dass sie nicht daran denken!!! Hakt es vorher ab! ALLES!!! Das gilt übrigens auch für die Eltern. Klasse Idee noch mal auf Toilette zu gehen!
  • Werden Schlaflieder gewünscht oder sind sie altersgemäß angebracht: unbedingt langweilige Lieder in möglichst monotonem Singsang ohne spannenden Inhalt vortragen (gut: Der Mond ist aufgegangen oder Weisst du wieviel … – schlecht: Fuchs du hast die Gans gestohlen oder Hei ho, hei ho ….) 
  • Nicht auf Gesprächsangebote eingehen! („Oh oh, der Linus heute“ … bedeutsames Schweigen folgt.) Wenn es euch interessiert, dann fragt bitte erst am nächsten Tag nach. 
  • Die Stimme im Verlauf des Singens leiser werden lassen, bis man schließlich nur noch summt. 
  • Die Augen beim Vorsingen schließen, denn das Kind beobachtet dich höchstwahrscheinlich! Geschlossene Augen sind überzeugend. (gut: durch die halb geschlossenen Lider schauen, ob die Augen des Kindes geschlossen sind und bleiben. Schlecht: dabei einschlafen).
  • Auf die Atmung des Kindes achten (gut: schweres Atmen mit leichtem Schnarchen – schlecht: Leichte Atmung unterbrochen von Kommentaren zu hochwichtigen Ereignissen des Tages: „Mama!!! Quentin hat geschubst!“ Keinesfalls auf Kommentare eingehen, weiter ATMEN!!!)


Ja, ich bringe meine Jüngste noch ins Bett und … ohhh, wie habe ich mich anfangs aufgeregt (innerlich natürlich nur, äußerlich war ich total „ommm“). Wenn die Hunde plötzlich gebellt haben (Kind: Juhuu, willkommen du Grund zum Augen aufreissen und von vorne anfangen!!!), ich husten musste und ich schon todesmüde anfing die Stunden zu zählen, die mir blieben, bis ich wieder aufstehen musste.

 

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Mein Rat.

Wenn ihr zu den Eltern gehört, die ihre Kinder abends sanft in den Schlaf geleiten wollen, die Händchen halten, bis ihre Atmung tief, gleichmäßig und von leisem Schnarchen begleitet ist, und wenn die Kinder VOR euch einschlafen sollen, dann nutzt die Zeit.
Ärgert euch nicht darüber, dass ihr da sitzt, denn ihr habt es euch ja so ausgesucht (und es ist eine gute Wahl, das nur nebenbei). Überlegt euch z. B. ein neues Projekt. Plant euren nächsten Urlaub. Wenn ihr in der DIY-Szene aktiv seid überlegt, welchen Blogbeitrag ihr schreiben wollt, was ihr als nächstes nähen, häkeln, bauen oder basteln möchtet. Mir sind beispielsweise ganz viele Ideen für Schnittmuster durch den Kopf gegangen, als ich so dort saß … die Texte der Schlaflieder automatisch gesungen und gewartet habe. 

Bellt ein Hund, hupt ein Auto, klappert Geschirr und das Kind reagiert darauf, dann sagt mit leiser, ruhiger, idealerweise total gelangweilter Stimme: „Ach gut, die Hunde passen auf.“ „Ach schön, der Nachbar ist jetzt auch zu Hause.“ „Ach wie nett, da ist jemand in der Küche.“ Und atmet demonstrativ ruhig und gleichmäßig. Das Kind übernimmt automatisch, dass der Lärm nicht stört, sondern dazu gehört. (Ich hatte die ersten Male Wut. Habe die Hunde zur Ruhe gerufen. Ergebnis? Wollt ihr nicht wissen. Könnt ihr euch denken.)
Übrigens: es gibt ein paar Apps, die Gold wert sind.
Vor dem Einschlafen gibt es z. B. den „Schlaf Zirkus“  – dort kann man allen Tieren des Zirkus Gute Nacht wünschen und das Licht ausschalten. (Meine Favoriten sind übrigens die Flöhe, ihr seht dann warum :D)

Zum Einschlafen steht für uns ganz oben: wo.audio Eine tolle App mit sanfter Musik, Klängen von Violine, Klavier, Regen, Wasserfall, Grillen … ganz nach Wunsch und individuell zusammenstellbar. (Gut: das Kind schläft innerhalb von Minuten ein – ich glaube, bei uns ist es schon ein pawlowscher Effekt. Schlecht: Hypnotisch, man selbst schläft auch schnell ein. Hier unbedingt Augen auflassen. Oder die App selbst nutzen.)

 

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Für alle diejenigen, die jetzt ihre Finger knacken lassen, um mir geschmeidige Antworten zum Thema „jedes Kind kann verdammt noch mal alleine schlafen lernen“ zu hinterlassen: spart euch die Mühe. Hab ich alles ausprobiert. Meine Älteste, jetzt 17 Jahre alt, musste durch das harte Training. (Damals war ich jung und brauchte Erziehungstipps). Die ich allerdings nicht einmal so konsequent durchgezogen habe, weil diese Methode einfach grausam ist. Klar, sie hat schlafen „gelernt“ wobei ich eher sagen würde, sie hat einfach aufgegeben.
Ich habe heute noch in regelmäßigen Abständen –  wenn mich mal wieder das schlechte Gewissen überkommt – Gespräche mit ihr, in denen ich mich dafür entschuldige. Sie findet es jedes Mal äußerst amüsant, beruhigt mich, denn sie kann sich natürlich nicht mehr daran erinnern. Wie auch ich nicht, denn durch die Hinweise meiner Eltern („Lass das Kind schreien, das schläft schon ein.“) ist mir klar, dass auch ich das durchgemacht habe.  Was es für mich nicht weniger schlimm macht.

Meine anderen beiden Töchter wurden in den Schlaf gesungen. Mit Händchen halten. Egal wie lange es gedauert hat. Und auch wenn es für sie heute im Gesamten vielleicht keinen Unterschied macht … ICH fühle mich besser dabei.  


Schlaft gut.

 

4 comments on “Schlaf. Oder: Komm mal her, Freundchen.”

  1. Ein wunderbarer Beitrag darüber wie es das Leben doch einfacher macht, wenn man aufhört mit den kindlichen Bedürfnissen zu hadern. Meine frühmorgendliche stummen Musestunden (ja auch ich bin wortkarg am frühen Morgen)klappen leider nicht so. Nicht weil ich nicht wach werde, sondern weil meine kleine Plappermaus,die heute genau 4 wird, irgendwie einen innerern Radar hat, der ihr sagt: Mama ist wach und ich nun auch! Auch ich kenne all die Tricks: Mama ich hab Hunger,Durst, Pipi,mir ist heiß/kalt, ich bin nicht müde!- schnarch. Manchmal hab ich mich auch gefragt wer von uns zuerst eingeschlafen ist.Ich freu mich, dass beim in den Schlaf begleiten nicht nur ich, Nähprojekte und und und plane.Irgendwann wird sich hoffentlich auch die Ferber Methode (schreien lassen) selbst ausrotten. Viele Grüße und einen wortkargen Morgen noch. Heike

  2. Nadinderl sagt:

    Danke liebe Ilka für diesen tollen Beitrag! Du sprichst mir aus der Seele! Vor allem der Teil mit Schreien lassen und ersten Kindern…. Beim zweiten ist auf einmal alles anders… Und um ehrlich zu sein, genieße ich das ��.

  3. Danke, danke, danke ❤

  4. Svenja Gau sagt:

    Was für ein wahnsinnig toller Beitrag, danke. Mein Sohn 3,5 schläft nur schnell ein, wenn Papa Händchen hält, idealerweise beide. Meine kleine Tochter (knapp 2), schläft noch neben mir und am liebsten mit dem Kopf auf meinem Bauch und mein Großer (fast 7) braucht inzwischen nur noch das Wissen, das jemand da ist.
    Manchmal wäre es schön zu sagen: Geh schhlafen und genau das passiert, aber meist genieße ich genau diese Rituale.

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