Die Schönheit in den Zeiten des Perfektionismus.

Auf diesem Bild seht ihr das Gesicht einer 46-jährigen Frau, Mutter von 3 Kindern.

Das Alter, die Tatsache, dass sie Mutter ist, viel arbeitet und ganz einfach auch das Leben an sich, haben an dieser Frau Spuren hinterlassen. Unzählige Falten, Narben, Beulen und Speckröllchen finden sich auf ihrem Körper wieder und auch die Spannkraft der Haut ist bei weitem nicht mehr die einer 24-jährigen.

„Oha!“, werden manche sagen, „Sie hat ja ganz schön viele Falten um Augen und Mund!“
„Der Ansatz müsste auch mal wieder nachgefärbt werden“, flüstern andere.
„Puh, sie trägt Größe 44/46“, schütteln ein paar mitleidig den Kopf.
„Müde sieht sie aus …“, finden andere.

Nun ist diese Frau so, wie sie ist. Und sie ist gern so.
Sie ist sogar außerordentlich zufrieden mit sich selbst.

Denn mit jeder Falte und jeder Narbe verbindet sie eine Erinnerung. Das Übergewicht zeigt ihr, dass sie sich zu wenig um sich selbst gekümmert hat, aber das ändert sie gerade, indem sie versucht, sich immer mal etwas Zeit für sich zu nehmen. Und das macht sie stolz. Und müde ist sie, ja. Weil sie nachts öfter wegen ihres kleinen Kindes aufsteht. Das ist ihr wichtig.

Hinzu kommt, dass ihr die Tatsache bekannt ist, dass jeder, wirklich jeder Mensch altert. Manche schneller, manche langsamer – je nachdem wie gut das Leben es mit ihnen meint. Und sie weiss auch schon lange, dass man nichts daran ändern kann. Sie weiss, dass ihre Haut dünner, faltiger und zarter wird. Dass ihre Augen an Sehkraft nachlassen werden, ihr Haar grau oder weiß wird oder vielleicht sogar ganz ausfällt und ihre Hände nicht immer glatt, sondern mit Adern und Flecken bedeckt sein werden. Die wiederum davon zeugen, dass sie hart arbeiten kann. Sie hat verstanden, dass die Geburt ihrer Kinder und der sich im Alter verändernde Stoffwechsel sie nicht mehr – wie noch vor 10 Jahren – in eine Größe 38 passen lassen.

Es ist keine Überraschung für sie und sie weiss auch, dass sie kein Einzelfall ist. Denn tatsächlich altert jeder Mensch. Und hat dabei die Wahl, dies stolz und mit Würde zu tun, oder ob der verlorenen Jugend zu hadern. Sich dem enormen Druck auszusetzen, mit 46 noch wie 24 aussehen zu wollen.
Diese Frau hat sich dagegen entschieden.
Natürlich achtet sie auf sich und ihr Äußeres, denn sie möchte SICH SELBST gefallen. Sie möchte sich gerne im Spiegel ansehen, sich dort zulächeln. Sie geht 2 x wöchentlich ins Fitness-Studio, achtet auf ihre Ernährung, kleidet sich so, wie es ihr gefällt. Auf Alkohol verzichtet sie ganz, kann aber nicht allen Lastern entsagen.

Sicherlich gibt es genug andere, die der Meinung sind, da ginge noch mehr … abnehmen, straffen, pflegen … aber das ist ihr egal. Denn SIE gefällt SICH. Und das genügt.

Warum zum Teufel schreibe ich das?
Weil ich seit einiger Zeit täglich mehrere Posts auf Facebook sehe, in denen neben selbstgenähten Kleidern und Tops auch Badeanzüge und Bikinis präsentiert werden. Und fast JEDER dieser Posts beginnt mit entschuldigenden Sätzen wie „Ich weiß, dass ich einige Kilos zu viel habe …“, „Ich bin natürlich keine 17 mehr …“, „Ich traue mich jetzt mal, das zu zeigen, obwohl …“, und so weiter und so fort.

Ganz ehrlich – es gibt inzwischen so viele Aufklärungskampagnen, beispielsweise die von Dove, oder den Film EMBRACE. „Endlich! Wie toll!“, werden bei jeder Kampagne die Rufe laut! „Ja, wir sind wie wir sind!“, um sich dann direkt wieder als nächstes – schon mal prophylaktisch, bevor noch irgendjemand überhaupt was sagt, für sich selbst zu entschuldigen: „Ja, ich weiss, ich hab paar Kilos zu viel, ich bin nicht perfekt, …“

Es bringt mich wirklich zur Verzweiflung und mir stellen sich hier mehrere Fragen:

  1. WARUM entschuldigen sich Frauen für das, was und wie sie sind. Kann mir jemand von euch EIN EINZIGES Beispiel nennen, bei dem ein Mann schreibt: „Sorry, Jungs – ich weiss, ich hab ein paar Kilos zu viel, aber …“, oder „Bitte schaut nicht auf meine Falten, aber …“, oder „Hey – kann ich so rausgehen? Oder trägt die Hose auf?“
    Habt ihr euch das mal gefragt? Und ist euch auch mal aufgefallen, dass Männer Bilder nicht kommentieren mit: „Also mit DER Figur würde ich an deiner Stelle solche Bilder nicht posten.“ WARUM machen das also Frauen?
  2. WARUM ist es Frauen so wichtig, was andere Frauen denken? Warum zieht eie Frau keine ärmellosen Kleidungsstücke mehr an, nachdem die Nachbarin (die sie übrigens nicht mal leiden kann) ihr gesagt hat, dass sie mit ihren Oberarmen SOWAS NICHT TRAGEN SOLLTE!
  3. WARUM sehen Frauen nicht ihre positiven, schönen Seiten? WARUM wiegt Kritik anderer schwerer, als Lob?
  4. WARUM zählt nur das Äußere, das sie nach Maßstäben beurteilen, die einfach nicht der Wirklichkeit entsprechen. Und die nicht nur unerreichbar sind, sondern vielleicht auch gar nicht erstrebenswert?

Wenn ihr morgens vor dem Spiegel steht und euch anschaut. Entschuldigt ihr euch bei euch selbst? „Ach du meine Güte, liebe Augen, bitte entschuldigt, dass ihr euch so etwas ansehen müsst! Das Gesicht, dass ihr im Spiegel seht, hat Falten, entspricht nicht der Norm. Der Bauch ist nicht flach. Warte, ich schau schnell wieder weg.“

Ich hoffe NICHT!

Ist es nicht eher so, dass ihr euch – wenn auch kritisch – anschaut und doch vielmehr die schönen Dinge an euch seht: „Ah, ich habe die Haare schön!“ oder „Der Schnitt des Kleides steht mir!“. Ihr gefallt EUCH.

Und jetzt die gute Nachricht: Das genügt vollkommen.

Natürlich haben wir alle Tage, an denen wir mit unserem Spiegelbild nicht zufrieden sind, aber gehen wir dann nicht raus? Verstecken wir uns? NEIN! Wir finden uns an manchen Tagen selbst nicht besonderes prickelnd, machen aber das Beste draus. Und dann gibt es wieder Tage, an denen wir uns wunderschön finden. Dabei sind wir, wie wir sind. Jeden Tag.

Wir sollten konsequent daran arbeiten, das verschobene Frauenbild gerade zu rücken, indem wir stolz auf uns sind. Und uns selber mögen. Wir sollten uns niemals für uns entschuldigen oder denken, wir müssten es.

Denn über alldem geht es nicht nur um uns selbst, sondern noch schlimmer: Wir geben dieses Frauenbild an unsere Töchter weiter. Die ebenfalls wiederum damit kämpfen, darunter leiden, sich schämen werden.

Und warum? Weil sie nicht perfekt sind?
Wer auch immer dieser perfekte Mensch ist, der mit fehlerlosem Aussehen, makelloser Haut und Idealgewicht, gepaart mit hoher Intelligenz, sonnigem Humor, einem großen Herz und einer mitreißenden, guten Laune ausgestattet ist, an dem sich alle messen oder andere mit ihm vergleichen … wo ist er?
Das kann wohl keiner beantworten, denn es scheitert schon an der Definition von „perfekt“, die jeder anders auslegt.

Bitte tut mir einen Gefallen. Entschuldigt euch nicht dafür, ihr selbst zu sein.
Seid es einfach, denn jeder Einzelne ist – wenn er sich selbst mag – perfekt.

 

15 comments on “Die Schönheit in den Zeiten des Perfektionismus.”

  1. Sarah sagt:

    Wunderschön geschrieben!!! Du hast absolut Recht<3 Danke

  2. Tanja Valentin sagt:

    ❤️

  3. Patricia sagt:

    Wenn das so einfach wäre, einfach sich selbst zu sein :/
    Die Gesellschaft ist leider so auf Perfektionismus aus das man sich echt nicht traut so zu sein wie man ist. Warum?
    Tja in der Werbung, in Zeitschriften usw wird alles retuschiert, klar das keine normale Frau sich dann wohlfühlt in ihrem Körper bzw. beim „zurschaustellen“, sprich Fotos zeigen oder im Schwimmbad.
    Traurig aber wahr
    Das kostet viel Arbeit an sich selbst sich so zu akzeptieren wie man ist

  4. Birgit sagt:

    Darf ich dich mal drücken? Was für ein schöner Text.

  5. Martina sagt:

    Direkt in mein ❤. Dankeschön das gibt Kraft und Mut 😍👏👍💪😙😙😙 lg Martina

  6. Birgit Linder sagt:

    Ich finde den Beitrag toll und absolut ehrlich. Habe selbst 3 Kinder die nun erwachsen sind und bin noch 10 Jahre älter. Jede einzelne Falte hat ihre eigene Geschichte und wem mein Aussehen nicht gefällt der ist es nicht wert dass ich ihm meine Zeit schenke. Danke dass mal jemand so klare Worte veröffentlicht.

  7. andrea sagt:

    das hast du sehr treffend formuliert. danke, dass du es ansprichst. ich denke, da muss noch sehr viel aufklärungsarbeit geleistet werden, bevor sich das in uns (sag ich jetzt bewusst) verankert hat.
    alles liebe, andrea

  8. Angelika sagt:

    So wahr liebe Ilka.

  9. Petra Hollang sagt:

    Sehr schön geschrieben. Und du triffst mit deinen wundervollen Zeilen , den Nagel auf den Kopf. Danke schön. Ich entschuldige mich nicht, dass ich nach 4 Kindern keinen straffen Bauch mehr habe. Und Leute , die mich das 3. Mal fragen, ob ich schooooon wieder Schwanger sei, werden verarscht. Denen sage ich voller Stolz “ Ja mit Drillingen und das mit 42 Jahren!!!“

  10. Fina sagt:

    Wundervolle Worte <3

  11. BuxSen sagt:

    Ein toller Text!
    Ich bin jetzt fast 43, habe ebenfalls drei Kinder und muss sagen, dass ich mich mehr mag als mit 20.
    Natürlich könnte ich mehr Sport machen, hatte letztes Jahr 7 Kilo abgenommen, die leider wieder drauf sind…aber ich hatte eine tolle Zeit im letzten Jahr und habe meine Zeit genossen.
    Der entscheidende Satz ist doch, dass meistens die Meinung anderer Frauen wichtig erscheint. Statt untereinander zusammen zu halten, hacken wir Frauen uns gegeseitig die Augen aus.
    Total bescheuert.
    Aber ich kann mich nicht davon frei machen, auch zu lästern. Ich arbeite diesbezüglich an mir.
    Liebe Grüße,
    Jenny

  12. Stephanie Rommel sagt:

    Danke für deine tollen Worte. Mögen sie helfen, das viele wieder zu sich selbst finden und selbstbewusster werden. Danke

  13. Boris sagt:

    Jemand, der das „… ist sogar außerordentlich zufrieden mit sich selbst.“ von sich sagen kann, hat meinen vollsten Respekt und ist ein wunderbarer Mensch, alles andere ist Nebensache!!!

  14. Christine sagt:

    Großartig geschrieben.bin selbst 47 und finde mich gut. Bloß nicht noch mal 20 sein und so schlau wie heute 🙂
    Was hätten wir alles nicht gemacht. Genieße gerade die Zeit die ich zunehmend für mich habe..die Zwillinge werden 14.
    Freu mich weiterhin auf seine Beiträge ob lustig oder Ernst.

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